Hertha BSC - SC Freiburg 0:0

Bundesliga

10.03.18

Olympiastadion Berlin (74.228)

Zuschauer: 38.625 (~2.000 away)

   Eintritt: 25€



05:00 und der Wecker reißt mich aus meinen zuckersüßen Träumen. Wieder verpuffen die Gedanken an Länderpunktsuff auf den Fidschi-Inseln und der harte Hopperalltag ruft.
Normalerweise würde ich sogar unter der Woche jetzt noch knapp 2 Stunden mein Gesicht ins Kissen drücken und dem Ebay-Kleinanzeigen-Produkt, was sich Körper nennt, seinen dringend benötigten Schlaf gönnen.
Aber nicht heute, denn heute ist Samstag und wenn die Motivation stimmt, komme ich auch ohne zu murren aus der Kiste.
Wie die Abiturienten unter euch sicher bereits antizipiert haben, ging es aber nicht etwa um 5:32 mit dem Sonderzug nach Würzburg, sondern eine halbe Stunde später mit dem IC in die Bundeshauptstadt.
Bei mir galt es heute eher ein lange ausstehendes ToDo abzuhaken, die Komplettierung der Bundesliga.
Was war eigentlich euer erster Ground in dieser von Kommerz und Plastikclubs unterwanderten Spielklasse?
Bei mir war es 2003 das Westfalenstadion, beim EM-Quali Spiel Deutschland - Schottland, Dauerregen und mehreren tausend Schotten, geil.
Und nun, 15 Jahre später also endlich das Olympiastadion Berlin. Dass der letzte fehlende Ground nicht Hoffenheim oder Augsburg heisst, liegt darin begründet, dass das Teil sonst einfach schon jeder hat und man so erstmal das abgrast, was anderen auch noch fehlt.
Das drittgrößte Stadion Deutschlands ist für eigentlich jeden Groundhopper so ein alter Hut wie Abraham Lincoln's Zylinder.

14€ kann man der deutschen Bahn wohl mal in den Schlund werfen, auch wenn es für diesen Preis natürlich inzwischen auch oneway mit dem Flieger nach Marokko geht.
Aber warum eigentlich Hertha - Freiburg? Reinhard Grindel terminierte dieses WE meine lange angepeilte Konstellation und baute mir einen 2 Tages-Trip mit Hertha und Union an einem Wochenende. Geht doch, du fettes, geldgeiles Schwein 😊
Die deutsche Bahn glänzte bereits vor dem ersten Halt mit einer Signalstörung, womit die Strecke OS - Bünde eine Stunde in Anspruch nahm, was aber beim anstehenden Puffer keine Schweißperlen auf meine Stirn brachte.
Gayson Stanley wusste diese Wartezeit mit seinen kulturellen Ergüssen im DB 41 bestens zu überbrücken.
Außerdem sorgte Chantal in meinem Abteil für mächtig Stimmung, sprach sie doch die ganze Fahrt bis Hannover mit Dennis-Pascal, oder Jeremy-Justin über die "verfickte deutsche Bahn!" und legte die Pöbelmesslatte ordentlich hoch. Hochkomplexe, mathematische Aufgaben löst Chantal ebenfalls ohne Probleme "Eyy, isch schaff 08:20 nicht, erst 09:20, der Zug hat ne halbe Stunde Verspätung!" Aufgrund dieser glorreichen Jugend, mache ich mir um meine Rente im Jahr 2056 definitiv keine Sorgen...
In Berlin habe ich in Sachen Sightseeing so gut wie alles abgehakt und der Fussball war der einzige Grund hier aufzuschlagen.
Zudem steht auch das Groundkonto in der Metropole trotz dieser beiden Riesenleichen bereits auf 5, wobei das Mommsenstadion und der FLJ-Sportpark die bisherigen Rosinen darstellen dürften.
Da ich nicht bereits 5 Stunden vor Anfpiff am Ground lungern wollte, galt es also ein Alternativprogramm auf die Beine zu stellen. Der U19 Sinnloskick in Staaken stellte keine Option dar, also einen ausgedehnten Spaziergang durch Mauerpark, FLJ-Sportpark und Treptower Park als Zeitvertreib.
Nachdem der Chinamob am Brandenburger Tor also erfolgreich umgangen wurde, konnten die sowjetischen Denkmäler in Ostberlin schon mehr überzeugen.
So gegen 12 Uhr hatte ich dann aber Hunger und Bierdurst und steuerte die Kneipe "Dicke Wirtin" an. Definitiv kultig und mit ordentlichen Portionen, sowie 9 verschiedenen Bieren vom Fass, gefällt!
Von hier sind's mit der S-Bahn noch gut 10 Minuten zum Olympiastadion und ich erwischte direkt eine bei Ankunft am Gleis.
Dabei lief ich natürlich direkt erstmal in ein Abteil mit dem Freiburger Szenemob, was allerdings keine Probleme gab.
Die Jungs schienen ziemlich entspannt zu sein und quatschten noch freundlich mit einer älteren Berlinerin, ehe man sich bei Ausstieg zunächst sammelte.
Ein paar Berliner Provokationen wurden verbal gekontert, aber weitestgehend ignoriert.
Am Ground angekommen, war ich erneut beeindruckt von dem alten Bau, welcher bereits für die olympischen Spiele 1936 genutzt wurde, wo unter anderem Jesse Owens zu Goldmedaillen sprintete. Sehr zum Ärgernis einer gewissen Person...
Die Geschichte ist am alten Mauerwerk aber unverkennbar und gibt dem Teil einen gewissen Charme.
Welcher nach dem Betreten wieder etwas revidiert wird, denn die Laufbahn und auch der restliche Teil deuten eben nicht auf ein Fussballstadion hin. Das Marathontor im Süden ist für mich da schon das Highlight des Olympiastadions.
Ich hatte mir im Vorfeld ein Ticket online für 25€ besorgt und saß somit recht nah am Gästeblock, wo es im Stadion natürlich eine Trennung gab. Die Toiletten aber nutzt man beispielsweise gemeinsam mit den Gästen, auch wenn hier kein Schwengelduell ausgetragen wurde.
Die Attraktivität dieser Begegnung schlug sich leider auch bei den Zuschauern wieder und die Hütte war nur halbvoll. Aus dem Breisgau waren etwa 1.500 Fans mitgereist, wobei der Normaloanteil enorm hoch war. Logisch, denn so ein Familienwochenende in Berlin bietet sich dann ja quasi an.
Die Zaunbeflaggung um die bekannten Gruppen Natural Born Ultras, Corillos etc. ganz nett, ebenfalls die Schwenker. Leider zog man fast das ganze Spiel über nur den vorderen Haufen mit und die Eventies blieben vornehmlich still.
Beim "Nur der, nur der, nur der SCF!" machte mal ein größerer Teil mit und es wurde lauter.
Wirkliche Abneigung besteht trotz der Freundschaft zwischen Hertha und dem KSC nicht, die blau-weiße Einheit wurde auch mehrfach besungen auch wenn ich keine Zaunfahne von RF erkennen konnte.
Hertha war mich noch so ein bisschen das Überraschungsei in der Bundesliga, die Auftritte bei uns und in WOB hatten mir gut gefallen.
Zu Hause bei einem halbleeren Stadion und vielen Touris ist es schwer gut zu supporten und das ganze hat wieder eine ganz andere Qualität.
Die Ostkurve war der einzige Bereich, der gut gefüllt war und besonders die Hüpfeinlagen kamen lautstark rüber. Auch der Wechselgesang mit dem Oberrang beim bekannten "HA, HO, HE! HERTHA BSC!" wusste zu gefallen. Ansonsten war das für mich eher Ligamittelmaß, wobei ich wirklich denke ein eigenes Fussballstadion würde der Stimmung sehr gut tun.
Zum sportlichen verliere ich exakt ein Wort: Scheiße!
Dann kann der geschundenen Hopperseele wirklich nur noch eine/r helfen: Mrs. Wu (Name geändert).
Mrs. Wu ist die gute Seele von Asia Deli, dem besten asiatischen Restaurant in ganz Bärlin. In einem kleinen, schmierigen Laden, verkauft sie authentische chinäsische Küche und eben nicht den Fraß, der den Deutschen als chinesisch verkauft wird.
Steigt einfach mal an der U-Bahn-Haltestelle Seestraße aus und überzeugt euch selbst.
An dieser Stelle Prost an Pippo für diesen Tipp, Mao's 5-Schichten-Fleisch und Tsingtao halfen mir wieder in die Bahn zu kommen.
Pappsatt und wieder glücklich ging es dann Richtung Apartment.